Captain Schnyders Zwischenbilanz: Wir sind Arbeiter und keine Künstler

Red Lions Reinach, Captain Simon Schnyder

Unser Medienpartner Wynentaler Blatt im Interview mit unserem Captain Simon Schnyder

 

Der ansprechende Start in die Saison 2019/20 hatte rund um die Red Lions Reinach eine gewisse Euphorie zur Folge. Red Lions-Captain Simon Schnyder (32) tritt aber energisch auf die Bremse und dämpft die gestiegenen Erwartungen des Umfeldes: „Wir sind nur dann weiterhin erfolgreich, wenn jeder von uns seine Leistung zu 100% abrufen kann. Und das war leider nicht immer der Fall.“

WYNENTALER BLATT: 2017/18 und 2018/19 hinkten die Red Lions der Konkurrenz total hinterher. Jetzt stehen nach 10 Runden der Qualifikation immerhin vier Siege und ein Platz im Mittelfeld zu Buche. Wie begründen Sie diese erfreuliche Entwicklung?

SIMON SCHNYDER: Dank den Zuzügen haben wir erstmals genügend Breite und mehr Qualität im Kader. Im Vergleich zu den beiden Startjahren sind wir auch viel professioneller organisiert, spielen ein leicht verständliches System nach klaren Vorgaben von Trainer Raphael „Zasi“ Zahner und seinem Assistenten Patrick Rothen. Ein spezielles Lob verdient aber vor allem der Staff mit Roland Gegenschatz (Teammanager), Heinz Schlatter (Team Consultant), Markus Gautschi, Mike Wiese (Betreuer), Daniel Erismann (Materialchef), Michael Kramer (Physiotherapeut) sowie unser Ärzte-Duo Michael Kettenring und Bernhard Sorg. Sie sind für uns rund um die Uhr da, sorgen sich um das Wohl jedes Einzelnen und haben deshalb massgeblichen Anteil an den positiven Resultaten.

WB: Der Blick auf die aktuelle Tabelle lässt den Schluss zu, dass in der Saison 2019/20 sogar ein Platz im Play-off drin liegt. Das erklärte Ziel von Vorstand, Staff und Spielern lautet jedoch Klassenerhalt. Warum so bescheiden?

SCHNYDER: Zwei Jahre lang hat uns die Konkurrenz belächelt, jetzt nimmt sie uns ernst. Diesen Fortschritt haben wir uns mit harter Arbeit verdient. Deswegen abzuheben, wäre jedoch völlig daneben und würde auch nicht zur Schritt für Schritt-Philosophie des Klubs passen. Als jüngstes Mitglied der 1. Liga tun wir gut daran, jede Aufgabe weiterhin mit Demut und Bescheidenheit anzupacken, denn der Grat zwischen Sieg und Niederlage ist unglaublich schmal.

WB: Das bisherige Highlight war zweifellos der Sieg im Derby gegen die Argovia Stars, der Tiefpunkt die unerwartete Heimniederlage gegen Aufsteiger Luzern. Wie erklären Sie sich das Auf und Ab innerhalb von wenigen Tagen? Kann das Team mit der Favoritenrolle nicht umgehen?

SCHNYDER: Das stützt meine These von der resultatmässigen Gratwanderung. Wir sind und bleiben in jeder Partie der Aussenseiter. Im Kader der Red Lions fehlen überragende Einzelspieler, die auf dem Eis den Unterschied ausmachen können. Ergo führt der Weg zum Erfolg über ein harmonierendes, gut funktionierendes Team und die positive Einstellung jedes Einzelnen. Wenn jeder seine Leistung zu 100% abruft, sich an die Vorgaben des Trainers hält und keine Undiszipliniertheiten (unnötige Fouls in der Offensivzone!) zu Schulden kommen lässt, können wir auch gegen qualitativ bessere Gegner punkten. Oder aber – wie beim 0:3 gegen Schlusslicht Luzern – eine unerwartete Ohrfeige kassieren.

WB: Im Spiel gegen Burgdorf (2:3) klappte das Powerplay nicht, gegen den SC Rheintal (2:5) leistete man sich zu viele Strafen und kassierte drei der fünf Tore in Unterzahl. Ist jedem Spieler klar, dass Undiszipliniertheiten in Form von dummen Fouls unweigerlich zu Niederlagen führen?

SCHNYDER: Fakt ist nun mal, dass Spiele nicht auf der Strafbank gewonnen werden. Wer mit eigenem Fehlverhalten oder unnötigen Provokationen leichtfertig einen Ausschluss riskiert, schadet dem Team. Das müsste inzwischen allerdings jedem von uns bewusst sein.

WB: Grosse Fortschritte gibt es nicht nur auf, sondern auch neben dem Eis mit den massiv gestiegenen Zuschauerzahlen zu verzeichnen. Das Gemeindeprojekt der Marketingabteilung trägt offensichtlich Früchte. Die lautstarke Unterstützung von den Rängen ist doch sicher auch im Team zu spüren?

SCHNYDER: Das Eishockey lebt unter anderem von den Emotionen der Zuschauer. Halbleere Tribünen sind ein Stimmungskiller. Jeder von uns spielt gerne vor Publikum. Die öffentliche Kampagne mit den Gratisspielen für die verschiedenen Gemeinden ist aus meiner Sicht ein Geniestreich. Es liegt nun an uns Spielern, mit guten Leistungen dem Matchpublikum auch etwas zurückzugeben.

WB: Sie sind Vater von zwei kleinen Kindern, gehen tagsüber bei den SBB einer vollamtlichen Beschäftigung nach und am Abend wird trainiert. Wie lange lässt sich eine solche Dreifach-Belastung durchziehen?

SCHNYDER: Natürlich sind es wunderbare Gefühle, wenn eine vermeintliche „Gurkentruppe“ auf gutem Weg zu einem stabilen 1.-Liga-Team ist. Noch ist aber gar nichts gewonnen. Abgerechnet wird im Frühjahr 2020. Wir sind keine Künstler und können es nur mit harter Arbeit richten. Dass ich persönlich mit der Dreifach-Belastung sehr gut klarkomme, ist primär das Verdienst meiner Frau Martina. Sie unterstützt mich nach bestem Wissen und Gewissen.

Interview: Albert Fässler