Jede Krise bietet auch Chancen

Red Lions Reinach, Chance in der Krise

Die Corona-Pandemie hat auch die Red Lions Reinach mitten ins Herz getroffen. Das Kader für die Saison 2020/21 ist zwar komplett, aber viele andere Fragen lassen sich momentan nicht abschliessend beantworten. Werden alle Sponsoren – wie mündlich zugesichert – an Bord bleiben? Ist eine fristgerechte Saisonvorbereitung gewährleistet? Wie gehen die Spieler selbst mit der Krise und den Auswirkungen auf den Alltag um?

Der Sport ist bekanntlich die wichtigste Nebensache der Welt. Spätestens jetzt dürfte das jedem bewusst sein. Die Gesundheit der Bevölkerung steht über allem. Dem Wohl der Allgemeinheit ist alles unterzuordnen. Kein persönliches Opfer kann da gross genug sein. Man kann die Prognose wagen: Nichts wird mehr so sein wie vor dieser Pandemie. Sei es in Wirtschaft und Industrie, in der Kultur, im Sport oder anderen Bereichen – wir alle werden umdenken und uns zum Teil sogar neu «erfinden» müssen.
Aus Krisen kann man aber auch gestärkt hervorgehen, wenn man daraus lernt und die richtigen Schlüsse zieht. Nie zuvor war die Solidarität unter den Menschen jedenfalls grösser als jetzt. Das ist bei allem Negativen das Positive. Jeder hilft jedem. Die Jugend baut Brücken statt Barrieren zur besonders gefährdeten Front der AHV-Fraktion. Wenn diese Gesinnung auch in der «Nach-Corona-Zeit» anhält, dann war es ein zwar schmerzhafter, aber durchaus wertvoller Lernprozess. Gemeinsam statt einsam. Miteinander statt gegeneinander, heisst das Erfolgsrezept.

Umdenken und anpassen

Es ist doch einigermassen erstaunlich, wie schnell sich Menschen auf völlig neue Situationen einstellen können und wie gelassen viele mit dem jetzigen Horrorszenario umgehen. Wir haben uns bei Trainer Raphael „Zasi“ Zahner und den Kaderspielern umgehört. Die ersten Reaktionen bestätigen die eben geäusserte Theorie. „Weil niemand weiss, wann der normale Alltag wieder einkehrt, ist die Planung eine echte Herausforderung“, gesteht Zahner ohne Umschweife. Die für Anfang April geplante Teamreise nach Holland ist abgesagt, die Teilnahme am Sponsorenlauf von „Zeig Herz, lauf mit“ um ein Jahr vertagt. Doch der Headcoach überlässt nichts dem Zufall: „Was immer noch auf uns zukommt, wir müssen einfach rechtzeitig für die Saison 2020/21 gerüstet sein. Das ist jedem Spieler bewusst.“ Verändert hat sich auch der berufliche Alltag Zahners. Als Aussendienstmitarbeiter einer Firma in Sursee hat er nur noch telefonischen und schriftlichen Kontakt mit seiner Kundschaft. „Einfach immer das Beste draus machen, im Beruf und im Sport“, lautet seine Devise.

Marc Witschi als «Hausmann»

Im Hause Witschi gab es eine neue Rollenverteilung. Die Mutter geht zur Arbeit, der Papa macht ganztags Home Office und Sohnemann Marc schmeisst den Haushalt. Sein Studium an der Berner Fachhochschule läuft jetzt über Internet und Videochat. Analog unterwegs ist Aron Bulgheroni, dessen Vorlesungen an der Uni Zürich nun ebenfalls Online stattfinden. Der Verteidiger ist bei den Eltern im Tessin, büffelt tagsüber am Lehrstoff und hält sich strikte an das Ausgehverbot der Regierung. Trotz der prekären Gesundheitssituation hat auch Neuzuzug Matteo Torino von einer WG in Zürich in den Süden gewechselt. Er hilft seiner Schwester im Haushalt, geht für den Opa einkaufen und erteilt Studenten Nachhilfe in Mathematik, Französisch und Italienisch. Der Bündner Andrej Maraffio lebt und lernt ausschliesslich im eigenen Zimmer, hat nebst den obligaten Fitnessübungen wie Rumpfbeugen, Stretching, Kraft aber eine ideale Trainingsmöglichkeit entdeckt – das Treppensteigen im Wohnblock. 100-mal rauf und runter ist jetzt im täglichen Programm enthalten.

Red Lions Reinach, Kim Lang, Chance in der Krise
Kim Lang
Kim Lang mit eigenem Fitnessstudio

Homeoffice und Fernstudium heisst es auch für Kim Lang, den grossen Pechvogel der vergangenen Saison. Er wurde durch die Corona-Pandemie gleich dreifach zurückgebunden. Als Angestellter der Crédit Suisse, im Studium und wegen den geschlossenen Fitness-Studios. Seine Moral hat deswegen aber offensichtlich nicht gelitten. Im Gegenteil. Um rechtzeitig auf das Mannschaftstraining im Mai gewappnet zu sein, hat Kim Lang neue Geräte gekauft und zu Hause einen Fitnessraum eingerichtet. Selbst ist der Mann, selbst ist der smarte Center.

Auch um die Fitness von Stefano Pons muss sich Trainer Zahner keine Sorgen machen. In seiner Wohnung im aargauischen Stilli brennt das Licht jetzt halt einige Stunden länger als sonst. Denn tagsüber wird die

Red Lions Reinach, Daniel Müller, Chance in der Krise
Daniel Müller

Arbeit erledigt, am Abend trainiert. Mit von der Partie ist dabei auch die in der Reisebranche tätige Freundin. Judo und Krafttraining stehen im Vordergrund, für die Sauerstoffzufuhr wechselt das Duo aber auch mal aufs Velo und pedalt durch die nahe gelegenen Wälder.

Ein wahrer Glückspilz ist Daniel Müller. Der 33-jährige Stürmer ist in der Produktion von V-Zug tätig und von den Einschränkungen für Industriebetriebe (bis jetzt) nicht betroffen. „Neu ist einzig, dass wir den vorgeschriebenen Abstand einhalten und Schutzmasken bei der Arbeit tragen müssen.“

Text: Albert Fässler