Lieber Hockeyvirus als Coronavirus

Red Lions Reinach, Erich Bruderer liebt neue Herausforderungen

Carl von Heeren (60) war ein Mann der ersten Stunde und gehörte zu den wagemutigen Visionären, die im Frühjahr 2017 das 1.-Liga-Projekt der Red Lions aus der Taufe hoben. Als Kassenwart bemühte sich der einstige Verteidiger des SC Reinach seither um die Balance zwischen Einnahmen und Ausgaben. Seit dem Ausbruch der Pandemie ist der Inhaber eines Treuhandbüros (Ireca AG, Menziken) als Finanzchef gefordert wie noch nie und daran wird sich auch in den kommenden Monaten nichts ändern.

Red Lions Reinach, Carl von Heeren
Carl von Heeren: Sogar hinter der Maske macht er Werbung für seine Red Lions.

Wer selber einmal auf Schlittschuhen stand und dem Puck nachjagte, der ist wohl für immer vom Hockeyvirus «infiziert». Für Carl von Heeren war die Eishalle Oberwynental allerdings mehr als nur ein Sportzentrum zur Ausübung der liebsten Freizeitbeschäftigung. Sie bescherte ihm nämlich auch privates Glück, lernte er doch hier seine nachmalige Frau Irène kennen, schätzen und lieben. Sie zogen zusammen Kinder gross. Sie mussten auch von einem ihrer Kinder vorzeitig Abschied nehmen, hielten aber in guten wie in schlechten Zeiten wie Pech und Schwefel zusammen. Ein wahres Vorzeige-Ehepaar eben.

Das Eishockey ist für Carl von Heeren Passion und Mission zugleich. Wo Hilfe nötig ist, wird Hilfe geleistet. Zwei Beispiele gefällig? Als Rouven Blattner aus gesundheitlichen Gründen das Amt des Präsidenten praktisch über Nacht niederlegen musste und sich innert nützlicher Frist kein Nachfolger fand, sprang der Finanzchef interimistisch ein Jahr lang in die Bresche. Seit dem vergangenen Juni sitzt zwar Menzikens Gemeindeammann Erich Bruderer auf dem Präsidentenstuhl, aber der bevorstehende Abgang von Cheftrainer Raphael Zahner hat eine neue Lücke aufgetan, weil dieser als Sportchef zugleich für die Kaderbildung verantwortlich zeichnete. Und das Kader für die Saison 2021/22 wird bekanntlich nicht erst im nächsten Frühjahr, sondern jetzt zusammengestellt. Kein Problem für Carl von Heeren, auch diese Aufgabe zur Chefsache zu erklären, den Job des Sportchefs interimistisch zu übernehmen und Zahners Vorarbeit zu einem guten Ende zu bringen. Das Resultat seiner Bemühungen darf sich sehen lassen: Die Bisherigen sind durchwegs geblieben, drei Neue hinzugekommen. Die Red Lions Reinach sind für die künftigen Aufgaben bestens gerüstet, sowohl von der Quantität als auch von der Qualität her.

Wir haben die letzte sich bietende Gelegenheit im zu Ende gehenden Jahr genutzt, um Carl von Heeren zehn Fragen zu den Finanzen und zum Sportbereich zu stellen. Seine Antworten zeugen von Souveränität und dem unbeugsamen Willen, aus der jetzigen Situation das Beste zu machen. Beseelt ist der «Mann für alle Fälle» zudem vom Glauben an eine erfolgreiche Zukunft.

Wynentaler Blatt: Viele Klubs im Amateursport kämpfen derzeit um das finanzielle Überleben und bangen um ihre Existenz. Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation bei den Red Lions?

Carl von Heeren: Die aktuelle Situation ist für alle Sportclubs sehr schwierig. Einerseits ist eine Planung für die laufende Saison praktisch unmöglich und andererseits fehlen viele budgetierte Einnahmen. Der ganze Vorstand leistet hier eine enorme Arbeit.

WB: Die Kündigung von Raphael Zahner kam unerwartet. Was sind die Gründe dieser plötzlichen Trennung, nachdem die Zusammenarbeit mit ihm doch immer bestens geklappt hat und nichts auf einen Abgang hindeutete?

Von Heeren: Seine Kündigung hat uns völlig überrascht, aber wir wissen auch, dass es im Leben immer wieder Veränderungen gibt. Raphael Zahner ist ein Trainer, der Eishockey lebt und offensichtlich sieht er beim HC Luzern bessere Chancen, seinen Traum als Trainer und Sportchef verwirklichen zu können. Wir wünschen ihm auf jeden Fall alles Gute und freuen uns, ihn mit dem HC Luzern wieder in der Eishalle Reinach begrüssen zu können.

WB: Laut Insidern sollen ein oder gar mehrere Nachfolger bereitstehen. Wann erfährt die Öffentlichkeit, wer das ist und wohin die Reise der Red Lions künftig geht?

Von Heeren: Sobald die entsprechenden Verträge unterzeichnet sind, werden wir die Öffentlichkeit selbstverständlich informieren.

WB: Keiner ist zurzeit derart gefordert wie Sie. Einerseits als Finanzchef, anderseits als interimistischer Sportchef. Trotzdem scheint bei Ihnen der Spass und die Freude am Eishockey alle Sorgen zu überwiegen.

Von Heeren: Eishockey ist für mich eine Passion. Gerade in diesen unglaublich schwierigen Zeiten hat der Rückhalt der Mannschaft dem Vorstand in jeder Beziehung den Rücken gestärkt und uns allen Mut gemacht, alles zu geben. Es sind definitiv ganz tolle Jungs, die nur eines wollen: Eishockey spielen.

WB: Eher überraschend hat auch Vizepräsident Thomas Huber den Hut genommen und sein Vorstandsmandat aufgegeben. Angeblich wegen unterschiedlichen Ansichten. Gibt es eine plausible Erklärung für diese Demission?

Von Heeren: Thomas Huber steht dem Verein ja weiterhin für Fotos und Videos zu Verfügung. Er hat neben dem Eis rund um die Mannschaft unglaublich gute Arbeit geleistet und wir hoffen sehr, dass er das noch lange tun wird.

WB: Mit nunmehr vier Personen ist das Führungsgremium momentan zweifellos unterbesetzt. Im Prinzip ruhen nun alle Lasten auf Präsident Erich Bruderer und Ihnen. Auf Dauer wird es deshalb Verstärkungen brauchen und muss auch das Amt des Sportchefs mit einem Kenner der Materie besetzt werden. Wie sieht die Strategie der Zukunft aus?

Von Heeren: Ob die Meisterschaft diese Saison noch fortgesetzt wird, hängt vom Verlauf der Pandemie ab. Gemäss Information des Verbandes muss dieser Entscheid bis spätestens am 1. Februar fallen. Im Moment fällt es schwer, daran zu glauben. Deshalb richtet sich der Fokus des Vorstandes in sportlicher wie auch in finanzieller Hinsicht bereits auf die Planung der Saison 2021/2022. Gleichzeitig sucht der Vorstand nach Verstärkung und gerade das Amt des Sportchefs muss, wie sie sagen, mit einem Kenner der Materie besetzt werden. Wir haben mit Kandidaten schon Gespräche geführt und hoffen, spätestens im Sommer 2021 eine Erfolgsmeldung verkünden zu können.

WB: Der Meisterschaftsbetrieb ist bis 28. Januar stillgelegt und eine Fortsetzung scheint wenig wahrscheinlich. Die Spieler haben bis Ende Dezember auf jede Entschädigung verzichtet, aber werden sie das auch im neuen Jahr tun und so zur Existenzsicherung des Klubs einen eminent wichtigen Beitrag leisten?

Von Heeren: Die Spieler stehen voll und ganz hinter den Red Lions Reinach und es ist Ihnen zweifellos auch bewusst, dass keine Spesen ausgerichtet werden können, solange der Trainings- und Spielbetrieb ausgesetzt ist. Sollte es doch noch eine Fortsetzung geben, haben wir eine neue Situation, die dann ausdiskutiert und geregelt werden muss.

WB: Sie und Erich Bruderer haben das grosse Wohlwollen von Sponsoren, Werbepartnern, Business-Membern, Matchbesuchern, Freunden und Sympathisanten öffentlich erwähnt. Bis heute hätte keiner von ihnen irgendwelche Rückforderungen für nicht erbrachte Leistungen gestellt. Ist der Goodwill gegenüber den Red Lions tatsächlich derart gross?

Von Heeren: Ja, der Goodwill ist einzigartig und wir können uns dafür an dieser Stelle nur ganz herzlich bedanken. Bei all meinen Kontakten mit Unterstützern und Helfern spüre ich enormen Zuspruch. Alle wollen, dass die Red Lions Reinach diese schwierige Zeit überleben und gestärkt daraus hervorgehen. Denselben Goodwill haben wir auch bei unseren Spielern und das ist einfach grossartig. Vorstand, Staff und Spieler verstehen sich als ein Team und treten auch so auf.

WB: Wagen Sie zum Schluss eine Prognose? Gibt es die Red Lions Reinach auch in fünf Jahren noch und in welcher Liga wird dann gespielt?

Von Heeren: Die Red Lions Reinach wird es garantiert auch in fünf Jahren noch geben und wer weiss, vielleicht spielen wir dann sogar in der höheren MySports-League?

WB: Sie haben für 2021 drei Wünsche offen. Gestatten Sie uns einen Blick in Ihre Gefühlswelt?

Von Heeren: Primär wünsche ich uns allen, dass die Pandemie bald unter Kontrolle ist und wir sie gesund überstehen, damit im September 2021 nach einer guten Vorbereitung die neue Saison gestartet werden kann und wir bereits nach der Qualifikation die Play-Offs erreicht haben.
Als zweites wünsche ich mir, dass wir gemeinsam mit dem Schlttschuhclub Reinach die einheimische Hockey-Jugend fördern, so dass in absehbarer Zukunft möglichst viele Buben aus der Region die Farben der Red Lions tragen werden.
Nun aber der wichtigste aller Wünsche: Allen treuen Unterstützern, Partnern und Freunden unseres Klubs wünsche ich einen guten Rutsch ins neue Jahr und viel Positives im 2021.

WB: Bleiben Sie gesund!